🧠 Notfallpsychologie
- Thorsten Wirth
- vor 3 Minuten
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Wenn die Seele Erste Hilfe braucht

Was ist Notfallpsychologie?
Stellen Sie sich vor, Sie stehen mitten in einem schweren Verkehrsunfall – vielleicht als Zeuge, vielleicht sogar als Betroffener. Die Sirenen heulen, Menschen schreien, der Körper ist unter Schock. In solchen Momenten greift die Notfallpsychologie ein – eine Disziplin, die sich mit der akuten psychischen Hilfe in Krisen- und Ausnahmesituationen beschäftigt.
Die Notfallpsychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, das sich mit den sofortigen, kurzfristigen Reaktionen auf belastende Ereignisse und mit der psychologischen Erstversorgung von Betroffenen, Einsatzkräften und Angehörigen beschäftigt.
Wann kommt Notfallpsychologie zum Einsatz?
Notfallpsycholog:innen kommen z. B. nach folgenden Ereignissen zum Einsatz:
Verkehrsunfällen
Naturkatastrophen (Fluten, Erdbeben)
Gewaltverbrechen
Suiziden
Amokläufen oder Terroranschlägen
schweren medizinischen Diagnosen
plötzlichen Todesfällen

Fallbeispiel: Der nächtliche Wohnungsbrand
Familie B. wird um 3:17 Uhr durch einen lauten Knall geweckt. Das Erdgeschoss steht in Flammen. Die Familie kann sich retten – aber der Schock sitzt tief.
Die Feuerwehr ruft das Kriseninterventionsteam (KIT). Innerhalb von 30 Minuten sind Notfallseelsorge und eine psychologische Fachkraft vor Ort. Die Kinder sind panisch, die Eltern weinen. Die Notfallpsychologin nimmt die Familie mit in einen ruhigen Nebenraum, erklärt, was gerade mit Körper und Psyche passiert – und hilft, erste Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen.
Die Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis
Traumatische Ereignisse lösen starke psychische und physische Reaktionen aus. Die häufigsten akuten Reaktionen sind:
Schock: Gefühl der Leere, emotionale Starre
körperliche Symptome: Zittern, Herzrasen, Übelkeit
Dissoziation: Gefühl, „neben sich zu stehen“
starke Emotionen: Angst, Wut, Verzweiflung
Gedächtnislücken oder Flashbacks

Ziel und Ablauf einer notfallpsychologischen Intervention
Notfallpsychologische Hilfe ist keine Therapie. Es geht um Stabilisierung, Orientierung und Entlastung in den ersten Stunden oder Tagen nach einem belastenden Ereignis.
Die 3 Hauptziele sind:
Sicherheit schaffen (räumlich und emotional)
Gefühle normalisieren („Ihre Reaktion ist verständlich“)
Ressourcen aktivieren (soziale Kontakte, Routine)
Ablauf (Beispiel eines Einsatzes):
Phase | Inhalt |
Kontaktaufnahme | Vorstellung, Empathie, Vertrauen schaffen |
Stabilisierung | Atemübungen, ruhige Umgebung, klare Sprache |
Psychoedukation | Erklärung normaler Stressreaktionen |
Sicherung von Unterstützung | Familie/Freunde einbinden, ggf. ärztliche Hilfe |
Abschluss | Informationen zu weiterführender Hilfe geben |
Wer hilft? Berufsgruppen im Einsatz
Notfallpsychologie wird meist von speziell geschultem Personal durchgeführt:
Psycholog:innen mit Weiterbildung in Notfallpsychologie
Notfallseelsorger:innen
Fachkräfte in Kriseninterventionsteams
Psychosoziale Fachkräfte bei Feuerwehr, Polizei, THW oder DRK
Wichtig: Nicht jeder Psychologe ist automatisch auch in Notfallpsychologie ausgebildet.
Fallbeispiel 2: Die Ersthelfer nach einem Suizid
Ein junger Mann springt vor einen Zug. Die Lokführerin, Augenzeugen und ein zufällig anwesender Rettungssanitäter erleben das Geschehen mit. Ein Team aus Notfallpsycholog:innen und Seelsorger:innen ist innerhalb einer Stunde vor Ort. Besonders der Lokführerin droht eine akute Traumafolgestörung. Sie erhält eine Soforthilfe, und ihr wird ein Ansprechpartner für die nächsten Wochen vermittelt.Zwei der Zeugen benötigen einige Tage später psychotherapeutische Unterstützung – vermittelt durch das Ersthelferteam.
Was ist der Unterschied zur Psychotherapie?
Notfallpsychologie | Psychotherapie |
Akute Krisenintervention (Stunden bis wenige Tage) | Langfristige Behandlung (Wochen bis Jahre) |
Fokus auf Stabilisierung | Fokus auf Aufarbeitung |
Keine Diagnose notwendig | Meist psychische Diagnose erforderlich |
Meist vor Ort (Einsatzorte) | In der Praxis oder Klinik |
Prävention und Nachsorge: Ein unterschätzter Teil
Viele denken, Notfallpsychologie sei nur für den Moment des Schocks da. Aber genauso wichtig sind:
Vorsorge bei Risikoberufen (z. B. Polizei, Feuerwehr, Pflege)
Nachsorgegespräche nach belastenden Einsätzen
Supervision und Peer-Beratung
Schulungen für Führungskräfte im Umgang mit Krisen in Betrieben

Wie kann ich helfen – als Laie?
Auch wenn Sie keine psychologische Ausbildung haben, können Sie Menschen in Krisenmomenten helfen:
✅ Ruhig bleiben
✅ Körperliche Sicherheit herstellen
✅ Präsenz zeigen, nicht drängen
✅ Zuhören, nicht analysieren
✅ Keine vorschnellen Ratschläge („Das wird schon…“)
✅ Hilfe organisieren (Notruf, KIT, Angehörige)
Quellen und weiterführende Literatur
Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT)https://www.degpt.de
Arbeitsgemeinschaft Notfallpsychologie im BDPhttps://notfallpsychologie.de
Krisenintervention Bayern – BRKhttps://www.kit-bayern.de
Hensel, M. (2020). Notfallpsychologie: Einführung in ein interdisziplinäres Arbeitsfeld. Springer.
Kaluza, G. (2022). Stressbewältigung. Springer.
Fazit
Notfallpsychologie ist wie ein unsichtbares Netz, das Menschen in den schwersten Momenten ihres Lebens auffängt. Sie hilft, den ersten Schock zu überstehen, gibt Halt und Orientierung – und kann entscheidend dazu beitragen, psychische Langzeitfolgen zu vermeiden.
Vielleicht begegnet Ihnen dieses Fachgebiet eines Tages ganz unerwartet – und Sie wissen dann: Hilfe ist nah.
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